Johanna Budwig und Krebs: Was die Öl-Eiweiß-Kost wirklich leisten kann

Johanna Budwig gehört zu den bekannteren „Gestalten“ der deutschen Naturheilkunde / Krebsheilkunde. Sie war keine Naturheilkundige, die zufällig auf Leinöl stieß, sondern eine promovierte Chemikerin und Physikerin, pharmazeutisch ausgebildet und über Jahre in der Fettforschung tätig. In den 1950er Jahren entwickelte sie zusammen mit ihrem Umfeld Verfahren zur Analyse von Fettsäuren, unter anderem mithilfe der Papierchromatographie. 1950 wurden entsprechende Arbeiten von Budwig und ihrem Mentor Hans-Paul Kaufmann auf einem internationalen Fettkongress vorgestellt.

Bekannt wurde sie aber nicht durch analytische Fettchemie, sondern durch ihre sogenannte Öl-Eiweiß-Kost: eine Ernährung, bei der frisches, kaltgepresstes Leinöl mit schwefelhaltigem Eiweiß aus Quark (oder Hüttenkäse wenn das stimmt was ich gelesen habe) kombiniert wird. Diese Mischung sollte nach Budwig den Fettstoffwechsel verbessern, die Zellatmung unterstützen und die gestörte Ordnung kranker Zellen günstig beeinflussen.

Damit berührte Budwig ein Thema, das bis heute aktuell ist: Krebs ist nicht nur ein genetisches Problem, sondern auch eine Erkrankung von Zellstoffwechsel, Membranfunktion, Mitochondrien, Entzündung und Milieu.

Das macht Budwig interessant. Aber es macht nicht jede Behauptung über die Budwig-Diät automatisch richtig.

Der Ausgangspunkt: Warburg und die gestörte Zellatmung

Bereits Otto Heinrich Warburg beschrieb in den 1920er Jahren eine auffällige Stoffwechselbesonderheit von Krebszellen. Viele Tumorzellen gewinnen Energie verstärkt über Glykolyse und Laktatbildung, selbst wenn Sauerstoff vorhanden ist. Dieses Phänomen wird heute als Warburg-Effekt bezeichnet. Moderne Übersichtsarbeiten sehen den Warburg-Effekt weiterhin als wichtiges Kennzeichen des Krebsstoffwechsels, auch wenn seine Bedeutung komplexer ist, als Warburg selbst annahm.

Warburg ging davon aus, dass die Zellatmung bei Krebs grundlegend gestört sei. Die moderne Tumorbiologie formuliert vorsichtiger: Krebszellen haben häufig eine veränderte metabolische Programmierung. Sie nutzen Glukose, Aminosäuren, Fettsäuren und mitochondriale Funktionen anders als gesunde Zellen. Der Stoffwechsel ist dabei nicht bloß Folge der Krebserkrankung, sondern kann Wachstum, Überleben, Immunflucht und Therapieresistenz mitsteuern.

Damit war Warburg nicht „widerlegt“, wie es manchmal etwas eilig behauptet wird. Er war eher unvollständig. Und das ist bei Pionieren ja nicht selten der Fall.

Budwigs Gedanke: Fettstoffwechsel, Zellmembran und Sauerstoffverwertung

Johanna Budwig knüpfte an diese Frage der Zellatmung an. Ihr besonderes Interesse galt den mehrfach ungesättigten Fettsäuren, vor allem der Alpha-Linolensäure im Leinöl. Sie nahm an, dass diese Fettsäuren aufgrund ihrer Doppelbindungen eine besondere elektrische und biochemische Bedeutung für Zellmembranen, Zellatmung und Sauerstoffverwertung besitzen.

Nach Budwigs Vorstellung waren bei chronisch Kranken und Krebspatienten bestimmte Fettbestandteile im Blut verändert. Sie sprach von Störungen bei Phosphatiden, Lipoproteinen und schwefelhaltigen Eiweißverbindungen. Die Kombination aus Leinöl und Quark sollte dieses Defizit ausgleichen: Das Öl liefert mehrfach ungesättigte Fettsäuren, der Quark liefert schwefelhaltige Aminosäuren und macht das Öl in der Mischung besser verteilbar.

Der Grundgedanke ist aus heutiger Sicht nicht unsinnig: Zellmembranen bestehen wesentlich aus Lipiden und Proteinen. Die Qualität der Fettsäuren beeinflusst Membranfluidität, Rezeptorfunktion, Entzündungsmediatoren, Signalübertragung und mitochondriale Prozesse. Auch Omega-3-Fettsäuren sind biologisch hochaktive Substanzen und nicht einfach „Kalorien in flüssiger Form“.

Aber man muss unterscheiden zwischen einem plausiblen biologischen Konzept und einem bewiesenen Krebstherapie-Verfahren. Genau an dieser Stelle wird es bei Budwig schwierig.

Was die Öl-Eiweiß-Kost eigentlich ist

Die klassische Budwig-Kost ist eine lacto-vegetarische Ernährung mit Schwerpunkt auf:

  • frisch angerührtem Leinöl mit Quark oder Hüttenkäse,
  • Gemüse, Obst, Sauerkraut und frisch gepressten Säften,
  • Nüssen und Samen,
  • möglichst naturbelassenen Lebensmitteln,
  • Verzicht auf gehärtete Fette, Margarine, stark erhitzte Fette, Zucker, Fleischwaren und industriell verarbeitete Produkte.

Der Kern ist die bekannte Leinöl-Quark-Mischung. Dabei wird kaltgepresstes Leinöl mit Magerquark oder Hüttenkäse so lange verrührt, bis keine Ölschicht mehr sichtbar ist. Budwig ging davon aus, dass die Verbindung von ungesättigten Fettsäuren mit schwefelhaltigem Eiweiß die Aufnahme und Verwertung verbessert.

Damit war sie ihrer Zeit in einem Punkt voraus: Sie warnte früh vor industriell veränderten Fetten, stark erhitzten Ölen und gehärteten Fetten. Heute wissen wir, dass Transfettsäuren und stark verarbeitete Fettprodukte tatsächlich problematisch sind. Budwig hatte also ein Gespür für eine Entwicklung, die später auch die Ernährungswissenschaft beschäftigen sollte.

Leinöl: Was daran biologisch interessant ist

Leinöl ist besonders reich an Alpha-Linolensäure, einer pflanzlichen Omega-3-Fettsäure. Aus ihr kann der Körper in begrenztem Umfang EPA und DHA bilden, also jene Omega-3-Fettsäuren, die vor allem aus Fischöl bekannt sind. Die Umwandlung ist allerdings individuell verschieden und meist nicht besonders hoch.

Dennoch kann Leinöl über mehrere Wege relevant sein:

Es beeinflusst die Fettsäurezusammensetzung von Zellmembranen. Es kann entzündungsmodulierende Effekte haben. Leinsamen enthalten außerdem Lignane, Ballaststoffe und sekundäre Pflanzenstoffe. Gerade bei hormonabhängigen Tumoren wurde deshalb untersucht, ob Leinsamen biologische Marker beeinflussen können.

Eine häufig zitierte Studie untersuchte Männer mit Prostatakrebs vor einer geplanten Prostataoperation. Die Teilnehmer erhielten unter anderem 30 Gramm Leinsamen täglich. Nach durchschnittlich etwa 30 Tagen zeigte sich in den Leinsamen-Gruppen eine signifikant niedrigere Tumorproliferation, gemessen am Marker Ki-67. Das ist ein interessanter Befund, aber kein Beweis dafür, dass Leinsamen oder Leinöl Krebs heilen. Es handelt sich um einen kurzfristigen Biomarker-Effekt vor Operation, nicht um eine Studie zur Heilung fortgeschrittener Tumoren.

Genau hier liegt die saubere Linie: Leinsamen und Leinöl sind ernährungsmedizinisch interessant. Daraus folgt aber nicht automatisch, dass die Budwig-Diät eine Krebstherapie ersetzt.

Quark, Schwefelaminosäuren und Molke: Was ist plausibel?

Budwig legte großen Wert auf die Kombination des Leinöls mit Quark oder Hüttenkäse. Sie begründete dies mit schwefelhaltigen Eiweißbestandteilen, vor allem Aminosäuren wie Methionin und Cystein. Diese Stoffe spielen tatsächlich eine Rolle im Schwefelstoffwechsel, bei Glutathion, Entgiftungsreaktionen und Redoxprozessen.

Auch Molkenproteine enthalten bioaktive Bestandteile. In experimentellen Modellen wurden Molkenproteine und einzelne Bestandteile wie Lactoferrin auf immunologische, antimikrobielle und möglicherweise tumorbiologische Effekte untersucht. Der in manchen Budwig-Texten zitierte Tierversuch mit Molkenprotein zeigte bei Ratten eine geringere Entwicklung von Mammatumoren im Vergleich zu einer Casein-Diät. Solche Ergebnisse sind interessant, bleiben aber Tierversuche und lassen sich nicht einfach auf menschliche Krebspatienten übertragen.

Problematisch werden manche populären Budwig-Texte dort, wo sie aus solchen Einzelbefunden große Heilversprechen ableiten. Begriffe wie „Re-Oxygenierung der Zellen“, „Normalisierung des pH-Wertes“ oder „Neutralisierung der Tumormilchsäure“ klingen eindrucksvoll, sind aber in dieser Form biologisch zu grob. Der menschliche Organismus ist kein Aquarium, dessen pH-Wert man mit Quark und Leinöl einfach umstellt.

Was an den populären Budwig-Behauptungen fragwürdig ist

Viele Texte zur Budwig-Diät enthalten Aussagen, die man besser nicht ungeprüft übernehmen sollte.

Dazu gehört etwa die Behauptung, Krebs werde wesentlich durch „Pilze“, „Somatide“, „negative Emotionen“ oder einen gestörten pH-Wert verursacht. Solche Aussagen sind wissenschaftlich nicht belastbar. Auch Empfehlungen wie Champagner bei Schwäche, extreme Diätregeln oder die Aussage, Tumoren würden bei einem Regelverstoß „rasch schlimmer zurückkommen“, gehören nicht in einen seriösen medizinischen Artikel.

Ebenso problematisch ist die Behauptung, die Budwig-Diät sei „die beste Krebsdiät der Welt“ oder könne auch aggressive Tumoren zuverlässig behandeln. Für solche Aussagen gibt es keine robuste klinische Evidenz.

Cancer Research UK schreibt klar, dass es keine wissenschaftlichen Belege dafür gibt, die Budwig-Diät als Krebsbehandlung einzusetzen. Auch CAM Cancer kommt zu dem Ergebnis, dass keine klinischen Studien in der peer-reviewten Literatur vorliegen, die die Budwig-Diät als Krebstherapie belegen.

Auch Onkopedia bewertet die Budwig-Diät kritisch und weist darauf hin, dass Budwig zwar hohe Erfolgsraten behauptete, dafür aber keine wissenschaftlichen Belege vorlegte.

Das muss man sagen dürfen. Gerade wenn man Naturheilkunde ernst nimmt.

Warum Budwig trotzdem nicht einfach abgetan werden sollte

Die übliche schulmedizinische Abwehrreaktion lautet oft: „Nicht bewiesen, also Unsinn.“

Das ist zu billig.

Budwig hat wichtige Fragen gestellt: Welche Rolle spielen natürliche Fette? Was passiert mit Zellmembranen bei chronischen Erkrankungen? Wie beeinflussen verarbeitete Fette, erhitzte Öle, Margarine und industrielle Ernährung den Stoffwechsel? Welche Bedeutung haben essentielle Fettsäuren für Zellatmung, Zellkommunikation und Geweberegulation?

Diese Fragen sind heute keineswegs erledigt. Im Gegenteil: Die moderne Krebsforschung beschäftigt sich intensiv mit Tumorstoffwechsel, Lipidmetabolismus, Membranen, Entzündung, Mitochondrien, Immunmilieu und metabolischer Therapie. Das sind keine Randthemen mehr.

Nur muss man Budwig aus dem Heilsversprechen herauslösen und in einen größeren biologischen Zusammenhang stellen.

Ihre Öl-Eiweiß-Kost ist keine bewiesene Krebstherapie. Aber sie ist ein früher ernährungsmedizinischer Versuch, den Krebs nicht nur als Zellmutationsproblem zu betrachten, sondern als Störung von Stoffwechsel, Membranen und Milieu. Genau das macht sie historisch und naturheilkundlich interessant.

Die eigentliche Stärke der Budwig-Kost

Die Stärke der Budwig-Kost liegt weniger in einer magischen Leinöl-Quark-Formel als in ihrer grundsätzlichen Ernährungsrichtung:

Sie verdrängt Zucker, Weißmehl, Fertigprodukte, gehärtete Fette, Wurstwaren und stark verarbeitete Lebensmittel. Sie betont frische Pflanzenkost, hochwertige Fette, naturbelassene Lebensmittel, Ballaststoffe und eine einfache, klare Küche.

Das allein ist schon mehr, als viele sogenannte moderne Ernährungspläne leisten.

Für Krebspatienten kann eine solche Ernährung unterstützend sinnvoll sein, sofern sie individuell angepasst wird und nicht zu Gewichtsverlust, Eiweißmangel oder Mangelernährung führt. Genau hier ist Vorsicht nötig: Viele Krebspatienten haben ohnehin Appetitverlust, Entzündung, Gewichtsabnahme oder Tumorkachexie. Eine zu strenge Diät kann dann schaden.

Darum gehört jede strengere Krebsdiät fachlich begleitet — besonders bei fortgeschrittener Erkrankung, laufender Chemotherapie, Bestrahlung, Operationen, Leber- oder Bauchspeicheldrüsenerkrankungen.

Was man praktisch aus Budwig lernen kann

Aus Budwig lässt sich einiges mitnehmen, ohne in Heilsversprechen zu verfallen.

Erstens: Fette sind nicht egal.
Die Qualität der Fette beeinflusst Zellmembranen, Entzündung, Signalstoffe und Stoffwechselregulation. Kaltgepresste, frische Öle sind etwas anderes als raffinierte, überhitzte oder gehärtete Industrieprodukte.

Zweitens: Leinöl ist empfindlich.
Es sollte frisch, kaltgepresst, dunkel gelagert und rasch verbraucht werden. Ranziges Leinöl ist kein Heilmittel, sondern oxidativer Ballast.

Drittens: Die Kombination mit Eiweiß ist ernährungsphysiologisch sinnvoll.
Ob man daraus Budwigs gesamte biophysikalische Theorie ableiten kann, ist eine andere Frage. Aber Leinöl mit Quark ist eine einfache Möglichkeit, Omega-3-reiches Öl in eine eiweißhaltige Mahlzeit einzubauen.

Viertens: Krebs braucht eine metabolische Betrachtung.
Insulin, Blutzucker, Entzündung, Körpergewicht, Muskelmasse, Mitochondrien, Mikrobiom und Ernährung sind keine Nebensache. Sie gehören in jedes ernsthafte onkologische Gesamtkonzept.

Fünftens: Naturheilkunde muss ehrlich bleiben.
Eine unterstützende Ernährung kann viel leisten: Stabilisierung, Entzündungsregulation, bessere Verträglichkeit, Stoffwechselordnung, Lebensqualität. Aber wer Heilung verspricht, wo keine belastbaren Daten vorliegen, verlässt den Boden seriöser Medizin.

Ein einfaches Budwig-Rezept

Eine praktische Grundmischung kann zum Beispiel so aussehen:

2 Esslöffel Magerquark oder Hüttenkäse
1 Esslöffel frisches kaltgepresstes Leinöl
etwas Wasser oder Milch zur besseren Cremigkeit
optional frisch geschrotete Leinsamen, Beeren, geriebener Apfel, Zimt oder Nüsse

Die Mischung sollte gründlich verrührt werden, bis kein Ölfilm mehr sichtbar ist. Sie sollte frisch zubereitet und nicht lange gelagert werden.

Bei empfindlicher Verdauung, Leber- oder Bauchspeicheldrüsenproblemen, Fettunverträglichkeit oder Übelkeit beginnt man besser mit kleinen Mengen.

Wichtig: Das ist eine Ernährungsergänzung, keine Tumortherapie.

Fazit: Budwig neu einordnen

Johanna Budwig war eine Pionierin der Fettforschung und eine unbequeme Kritikerin industriell veränderter Fette. Ihre Öl-Eiweiß-Kost entstand aus der Vorstellung, dass Krebs mit gestörter Zellatmung, mangelhafter Fettverwertung und geschädigten Zellmembranen zusammenhängt.

Heute wissen wir: Krebs ist tatsächlich mehr als eine Genmutation. Der Tumorstoffwechsel, die Mitochondrien, Entzündungsprozesse, Zellmembranen, Immunantwort und das Gewebemilieu spielen eine erhebliche Rolle. In diesem größeren Bild wirkt Budwigs Ansatz weniger abwegig, als manche Kritiker glauben möchten.

Aber ebenso klar ist: Für die Budwig-Diät als eigenständige Krebstherapie fehlen überzeugende klinische Belege. Einzelne Studien zu Leinsamen, Omega-3-Fettsäuren oder Molkenbestandteilen sind interessant, beweisen aber nicht die Wirksamkeit des gesamten Budwig-Protokolls bei Krebs.

Als „vernünftige / sichere“ Einordnung könnte man daher heute (2026) sicher formulieren:  Budwig ist kein Ersatz für eine notwendige Krebstherapie. Aber ihre Öl-Eiweiß-Kost kann (richtig verstanden und individuell angepasst) Teil einer biologisch orientierten Ernährung sein, die Zellstoffwechsel, Entzündung und Milieu unterstützt.

Mit dieser Aussage kann sicher auch jeder Schulmediziner leben.

Nach dieser „Einordnung“ will ich im Folgenden noch einige kontroverse „Behauptungen“ und Thesen wiedergeben, die ich im Laufe der Jahre rund um die Budwig Diät gehört habe:

Kontroverse Behauptungen rund um die Budwig-Diät

Wer sich mit Johanna Budwig beschäftigt, stößt schnell auf zahlreiche Texte, Erfahrungsberichte und Therapieprogramme, die weit über das hinausgehen, was Budwig selbst ursprünglich mit ihrer Öl-Eiweiß-Kost meinte. Manche dieser Aussagen enthalten interessante Gedanken, andere sind fachlich, bzw. aus heutiger Sicht „schwach“, stark überzogen oder schlicht nicht zu belegen.

Krebs als Pilzerkrankung

In manchen alternativen Texten wird Krebs als reine Pilzerkrankung dargestellt. Dabei ist von „hefeartigen Pilzformen“, „Somatiden“ oder mikrobiellen Entwicklungsformen die Rede, die angeblich Krebszellen entstehen lassen. Da spielt auch viel die Theorie von Prof. Enderlein hinein.

Das gilt offiziell in dieser Allgemeinheit als nicht belegt. Die Schulmedizin gibt zwar heute zu, dass Infektionen bei bestimmten Krebsarten eine Rolle spielen, etwa HPV beim Gebärmutterhalskrebs, Epstein-Barr-Virus bei bestimmten Lymphomen oder Helicobacter pylori beim Magenkrebs. Daraus folgt aber nicht, dass Krebs grundsätzlich eine Pilz- oder Mikrobenkrankheit ist. Oder soll man sagen noch nicht?

Krebs durch psychische Traumata 

Ebenfalls häufig findet sich die These, Krebs entstehe durch unterdrückte Wut, Hass, Groll, Trauer oder ungelöste seelische Konflikte.

Klar ist: chronischer Stress, Schlafmangel, Daueranspannung und seelische Belastungen können den Organismus deutlich beeinflussen: Immunsystem, Entzündungsregulation, Hormone, Stoffwechsel und Regeneration reagieren darauf. Aber daraus abzuleiten, bestimmte Gefühle seien die eigentliche Ursache von Krebs, ist aus schulmedizinischer Sicht nicht haltbar.

Man muss auch vorsichtig sein, wie man diese Thematik bei Patienten angeht. Ich halte es aber grundsätzlich für nötig zumindest mit Patienten darüber zu reden, ob eine solche Problematik existiert.

Die Idee einer „Krebspersönlichkeit“

Verwandt damit ist die Vorstellung, es gebe eine typische „Krebspersönlichkeit“: Menschen, die ihre Gefühle unterdrücken, nicht nein sagen können, innerlich erstarren oder den Lebenswillen verlieren.

Solche Modelle waren zeitweise populär, sind aber wissenschaftlich nicht überzeugend belegt. Sie reduzieren eine komplexe Erkrankung auf Charakter, Psyche oder Lebenshaltung. Natürlich kann psychoonkologische Begleitung wertvoll sein, aber diese dient der Unterstützung, nicht der Schuldzuweisung.

Säure Basen Haushalt und „Übersäuerung“

Eine weitere verbreitete These lautet: Krebs könne nur in einem sauren Milieu wachsen. Deshalb müsse man den Körper alkalisieren, etwa durch basische Ernährung, Natron oder spezielle Präparate.

Auch hier steckt (mehr als) ein Körnchen Wahrheit in einer starken Behauptung. Tumoren können lokal ein saures Mikromilieu bilden, vor allem durch veränderten Stoffwechsel und Laktatbildung. Das bedeutet aber nicht, dass man den Blut-pH durch Ernährung therapeutisch auf „krebsfeindlich“ verschieben kann. Der Blut-pH wird vom Körper sehr eng reguliert. Eine pflanzenbetonte, mineralstoffreiche Ernährung ist sinnvoll. Aber sie heilt Krebs nicht dadurch, dass sie den Körper „basisch macht“.

„Re-Oxygenierung“ durch Leinöl und Quark

Manche Texte behaupten, die Budwig-Mischung aus Leinöl und Quark könne Krebszellen direkt wieder mit Sauerstoff versorgen und dadurch Mutationen verhindern oder rückgängig machen.

Das ist stark formuliert. Verstanden habe ich den Mechanismus immer noch nicht. Klar ist: Leinöl liefert Alpha-Linolensäure, Quark liefert Eiweiß und schwefelhaltige Aminosäuren. Diese Kombination ist ernährungsphysiologisch sinnvoll. Aber eine direkte Re-Oxygenierung von Tumorzellen?

Die Zellatmung ist ein komplexer Vorgang aus Mitochondrienfunktion, Enzymaktivität, Sauerstoffversorgung, Redoxlage, Membranstruktur und Stoffwechselsteuerung. Das lässt sich nicht auf eine einfache Leinöl-Quark-Formel reduzieren — oder ich habe das noch nicht richtig verstanden.

Rechtsdrehende Milchsäure gegen Tumormilchsäure

In manchen Budwig-nahen Texten wird behauptet, rechtsdrehende Milchsäure aus Molke oder Quark könne die „linksgerichtete“ Milchsäure des Tumors neutralisieren und dadurch das Tumorwachstum bremsen. Es gibt auch entsprechende Präparate…

Das klingt biochemisch elegant, ist aber in dieser therapeutischen Zuspitzung nicht belegt. Tumorlaktat, pH-Regulation und Zellteilung sind erheblich komplexer. Die Vorstellung, man könne Tumormilchsäure durch Milchsäure direkt aus Milchprodukten neutralisieren, ist zu simpel. Aber die Präparate / Ernährung wirken sicher auch noch auf anderem Weg…

Champagner als therapeutische Empfehlung

In einigen alten oder alternativen Budwig-Texten findet sich sogar die Empfehlung, bei sehr geschwächten Krebspatienten Champagner einzusetzen, damit Öl besser aufgenommen werde oder rasch Energie verfügbar sei. Alkohol also als Krebstherapeutikum? Hm… Alkohol ist für mehrere Krebsarten als Risikofaktor anerkannt. Aber vielleicht hat gerade Sekt / Champagner Wirkungen die mir so noch nicht bekannt sind??

Starre Diätregeln und Angst vor Rückfällen

Problematisch sind auch Aussagen, wonach bereits kleine Verstöße gegen die Budwig-Kost (etwa Zucker, Wurstwaren oder „falsche Fette“) ein rasches Wiederaufflammen oder aggressiveres Tumorwachstum auslösen könnten. Ich kann die dazugehörige Theorie verstehen und würde diese selbst bei Krebserkrankungen beachten. Aber ob es direkt wirklich so ist?

Ernährung ist wichtig, keine Frage. Aber solche Drohungen erzeugen Angst und Schuldgefühle. Entscheidend sind langfristige sicher die Muster: Stoffwechsel, Entzündung, Körpergewicht, Muskelmasse, Ernährung, Bewegung, Schlaf und medizinische Behandlung.

Alternative Verfahren als Ersatz für Onkologie

Die Budwig-Kost wird in manchen Programmen zusammen mit Gerson-Therapie, Breuss-Kur, Traubenkur, Natron, Essig, Graviola, Hochdosis-Vitamin-C oder anderen Verfahren als Ersatz für konventionelle Krebstherapie empfohlen.

Ich lasse das mal unkommentiert stehen. Die Schulmedizin sieht das völlig anders.

Molke, Lactoferrin und Immunstimulation

Molke und einzelne Bestandteile wie Lactoferrin werden in manchen Texten als stark krebshemmend dargestellt.

Tatsächlich gibt es interessante experimentelle Daten zu Molkenproteinen, Lactoferrin, Immunmodulation und antimikrobiellen Effekten. Aber Zellkultur- und Tierversuche sind keine klinischen Heilungsbeweise. Daraus eine Krebstherapie abzuleiten, wäre voreilig.

Meine Einordnung

Ich halte es für falsch, Johanna Budwig pauschal als „Quacksalberin“ abzutun. Dafür war ihre Arbeit zur Fettchemie, zur Qualität natürlicher Öle und zur Bedeutung von Zellmembranen zu interessant.

Ebenso falsch wäre es aber, jede Behauptung aus der Budwig-Szene ungeprüft zu übernehmen.

Die vernünftige Position liegt wahrscheinlich dazwischen:

Die Budwig-Kost ist als ernährungsmedizinischer Ansatz interessant. Sie passt zu einer biologischen Sicht auf Zellmembranen, Fettsäuren, Entzündung, Stoffwechsel und Tumormilieu. Aber sie ist keine bewiesene alleinige Krebstherapie.

Gerade deshalb sollte man sie nüchtern betrachten: ohne Spott, ohne Heiligsprechung, ohne Wunderparolen. Ihre Stärken liegen in der Betonung naturbelassener Lebensmittel, hochwertiger Fette und einer stoffwechselorientierten Ernährung. Ihre Schwächen liegen dort, wo aus plausibler Biochemie therapeutische Gewissheiten gemacht werden.

Beitragsbild: 123rf.com – Aliaksei Marozau

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