Heilpilze gegen Krebs? Was Studien über Reishi, Coriolus, Maitake und Beta-Glucane zeigen

Heilpilze gegen Krebs – René Gräber mit Reishi und Coriolus zu aktuellen Studien über Beta-Glucane in der Onkologie

Heilpilze gegen Krebs?

Bei einer solchen Überschrift bilden sich gewöhnlich innerhalb weniger Sekunden zwei Lager. Die einen wittern das nächste Wundermittel. Die anderen rufen nach dem Faktenchecker, bevor sie überhaupt einen Blick in die Studien geworfen haben.

Beides hilft Krebspatienten wenig.

Immerhin: Es wird inzwischen genauer untersucht.

Und manches von dem, was in der naturheilkundlichen Praxis seit Jahren beobachtet wird, findet sich nun auch in wissenschaftlichen Veröffentlichungen wieder.

Zunächst eine wichtige Klarstellung: Das ist keine neue klinische Studie

Die aktuelle Veröffentlichung vom April 2026 ist eine narrative Übersichtsarbeit. Der Autor hat klinische Studien, Metaanalysen, Beobachtungsstudien und experimentelle Arbeiten zu Heilpilzen in der Onkologie zusammengetragen.

Es wurden also keine neuen Krebspatienten behandelt. Die Arbeit wertet vorhandene Forschung aus und versucht, die Ergebnisse mit den biologischen Merkmalen von Krebs sowie den Wirkmechanismen einer Chemotherapie zu verbinden.

Im Mittelpunkt stehen unter anderem:

  • Coriolus beziehungsweise Trametes versicolor,
  • Shiitake,
  • Maitake,
  • Reishi,
  • Cordyceps,
  • Austernpilze,
  • Agaricus blazei,
  • Beta-Glucane und andere Pilzpolysaccharide.

Die Übersichtsarbeit beschreibt vor allem mögliche Wirkungen auf Immunfunktion, Blutbild, Entzündungsprozesse, Schleimhäute, Darmmilieu, Müdigkeit, Lebensqualität und Verträglichkeit der Krebstherapie. Die Autoren sprechen ausdrücklich von einer begleitenden Anwendung und nicht von einem Ersatz der Krebstherapie.

Genau dieser Unterschied geht in der öffentlichen Diskussion regelmäßig verloren.

Der Heilpilz muss nicht den Tumor vernichten, um hilfreich zu sein

Die übliche Frage lautet: „Heilt der Pilz Krebs?“

Diese Frage ist viel zu grob.

Eine begleitende Therapie kann für einen Krebspatienten bereits wertvoll sein, wenn sie dazu beiträgt,

  • die körperliche Stabilität zu erhalten,
  • bestimmte Nebenwirkungen zu vermindern,
  • den Appetit zu verbessern,
  • Müdigkeit und Erschöpfung zu lindern,
  • das Blutbild zu unterstützen,
  • Schleimhäute und Darm besser durch die Therapie zu bringen,
  • Schmerzen und andere Beschwerden zu reduzieren,
  • notwendige Behandlungszyklen besser durchzustehen.

Die aktuelle Übersichtsarbeit sieht die vergleichsweise stärksten Signale tatsächlich in solchen unterstützenden Bereichen: bei Immunparametern, chemotherapiebedingter Leukopenie, Magen-Darm-Verträglichkeit, Fatigue und Lebensqualität. Harte Aussagen über eine Verlängerung des Überlebens sind nur für bestimmte standardisierte Extrakte und einzelne Krebsarten vertretbar. Für viele andere Pilzpräparate reicht die Datenlage dazu nicht aus.

Das mag für Schlagzeilen weniger spektakulär klingen. Für einen schwer belasteten Patienten kann genau darin der entscheidende Nutzen liegen.

Beta-Glucane: Mehr als bloße „Immunstärkung“

Viele Heilpilze enthalten hochmolekulare Polysaccharide, besonders Beta-Glucane. Diese wirken nicht wie ein klassisches Zellgift gegen den Tumor.

Beta-Glucane können an Rezeptoren des angeborenen Immunsystems binden, darunter Dectin-1 und der Komplementrezeptor 3. Dadurch können unter anderem Makrophagen, dendritische Zellen, natürliche Killerzellen und bestimmte T-Zell-Reaktionen beeinflusst werden.

Es geht also nicht um ein primitives „Immunsystem hochfahren“. Ein Immunsystem ist kein Automotor, bei dem man einfach mehr Gas gibt. Entscheidend ist die Regulation: Welche Zellen werden aktiviert? Welche Entzündungswege werden gebremst? Wie gut werden Tumorantigene präsentiert? Wie reagiert das geschwächte Immunsystem unter einer Chemotherapie?

Mit diesen Zusammenhängen habe ich mich auch in meinem Beitrag über die TH1-/TH2-Immunachse und die Rolle der Heilpilze ausführlicher beschäftigt.

Die aktuelle Arbeit beschreibt unter anderem eine Beeinflussung von NK-Zellen, antigenpräsentierenden Zellen und Th1-assoziierten Immunreaktionen. Vieles davon ist biologisch plausibel und experimentell gut darstellbar. Die klinische Bedeutung hängt jedoch vom konkreten Pilz, dem Extrakt, der Dosierung, der Tumorart und der parallel laufenden Behandlung ab.

Coriolus: Der am besten untersuchte Heilpilz in der Onkologie?

Besonders interessant ist Trametes versicolor, besser bekannt als Coriolus oder „Turkey Tail“.

Aus diesem Pilz werden unter anderem die standardisierten Polysaccharid-Protein-Komplexe PSK und PSP gewonnen. PSK wird in Japan seit Jahrzehnten begleitend in der Krebsbehandlung eingesetzt. Das amerikanische National Cancer Institute weist ausdrücklich darauf hin, dass PSK dort als ergänzendes Krebsmedikament zugelassen ist und eine lange klinische Anwendungsgeschichte besitzt.

Studien und Metaanalysen untersuchten PSK unter anderem bei Magen-, Darm-, Lungen- und Brustkrebs. Besonders bei Magen- und Darmkrebs finden sich Hinweise auf eine geringere Rückfallrate und bessere Überlebensdaten, wenn PSK zusätzlich zu Operation und konventioneller Therapie eingesetzt wurde.

Eine Metaanalyse zu operiertem Darmkrebs erfasste drei randomisierte Studien mit insgesamt 1.094 Patienten. Sowohl das krankheitsfreie Fünfjahresüberleben als auch das Gesamtüberleben fielen zugunsten der ergänzenden PSK-Behandlung aus.

Das beweist selbstverständlich nicht, dass irgendeine beliebige Coriolus-Kapsel aus dem Internethandel dieselbe Wirkung besitzt. PSK ist ein definierter Extrakt. Pilzpulver, Myzelprodukte, Fruchtkörperextrakte und standardisierte Polysaccharidfraktionen sind keineswegs austauschbar.

Genau an diesem Punkt beginnt häufig der Etikettenschwindel.

Shiitake und Lentinan

Auch der Shiitake enthält eine interessante Beta-Glucan-Verbindung: Lentinan.

Lentinan wurde als Zusatzbehandlung bei Magen-, Darm-, Lungen- und Bauchspeicheldrüsenkrebs untersucht. Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2017 kam zu dem Ergebnis, dass Lentinan in Verbindung mit Chemotherapie unter anderem die Einjahresüberlebensrate, die Ansprechrate und einige therapiebedingte Nebenwirkungen günstig beeinflussen konnte. Die eingeschlossenen Studien waren jedoch unterschiedlich aufgebaut und überwiegend in Asien durchgeführt worden.

Auch hier gilt: Entscheidend war ein bestimmter Wirkstoff beziehungsweise ein standardisiertes Präparat. Der gelegentliche Shiitake in der Gemüsepfanne dürfte gesundheitlich durchaus erfreulich sein, ersetzt aber keine therapeutische Extraktmenge.

Reishi, Maitake, Cordyceps und Agaricus

Für andere Heilpilze ist die Forschung interessanter geworden, bleibt insgesamt aber dünner.

Reishi

Reishi beziehungsweise Ganoderma lucidum wird vor allem hinsichtlich Immunfunktion, Fatigue, Entzündungsmarkern und Lebensqualität untersucht. Kleinere klinische Arbeiten zeigen mögliche Veränderungen bei NK-Zellen und T-Zell-Antworten. Für klare Aussagen zu Tumorrückgang oder Überleben reicht die Forschung bislang nicht aus.

Mehr zu diesem Pilz finden Sie in meinem Grundsatzbeitrag über den Reishi – den „Pilz der Unsterblichkeit“.

Maitake

Beim Maitake richtet sich das Interesse besonders auf bestimmte Polysaccharidfraktionen, darunter die sogenannte D-Fraktion. Untersucht wurden vor allem Veränderungen von NK-Zell-Aktivität, Zytokinprofilen und Immunreaktionen. Belastbare Überlebensdaten fehlen bislang weitgehend.

Cordyceps

Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2024 untersuchte Cordyceps sinensis als Ergänzung bei Lungenkrebs. Die Auswertung umfasste randomisierte Studien und berichtete günstige Signale bei Therapieansprechen, Immunparametern und Nebenwirkungen. Die Qualität der zugrunde liegenden Studien muss allerdings kritisch betrachtet werden. Viele Arbeiten stammen aus China, und nicht alle erfüllen die Standards, die man von großen westlichen Arzneimittelstudien verlangt.

Weitere Hintergründe habe ich in meinem Beitrag über Cordyceps sinensis, Krebs, Leistung und Nierenfunktion zusammengetragen.

Agaricus blazei

Eine kleine randomisierte Doppelblindstudie untersuchte einen Agaricus-basierten Extrakt bei 40 Patienten mit multiplem Myelom, die eine Hochdosis-Chemotherapie und eine autologe Stammzelltransplantation erhielten. Dabei zeigten sich Veränderungen verschiedener Immunparameter. Für Aussagen über Heilung oder langfristiges Überleben war die Studie viel zu klein. Sie zeigt jedoch, dass sich solche Präparate durchaus unter kontrollierten klinischen Bedingungen prüfen lassen.

Meine Erfahrungen aus der Naturheilpraxis

Ich setze seit Jahren hochdosierte, sorgfältig ausgewählte Heilpilzextrakte bei Krebspatienten begleitend ein. Meine Erfahrung ist ausgesprochen positiv.

Viele Patienten erscheinen im Verlauf stabiler. Sie berichten, dass sie die Chemotherapie besser vertragen, sich schneller erholen und weniger unter Erschöpfung, Verdauungsbeschwerden oder Schmerzen leiden. Bei einigen sind Schmerzen nur noch gering ausgeprägt oder zeitweise gar nicht mehr vorhanden.

Das ist eine Beobachtung aus der Praxis. Dazu wären selbstverständlich kontrollierte Untersuchungen mit genau definierten Präparaten, Dosierungen, Krebsarten und Behandlungsprotokollen erforderlich.

Aber Praxiserfahrungen pauschal als bedeutungslos abzutun (wie es gerne gemacht wird), wäre allerdings eine seltsame Form von Wissenschaft. Wissenschaft beginnt schließlich häufig mit einer wiederkehrenden Beobachtung.

Einen ausführlicheren Überblick über meine Erfahrungen und die praktische Anwendung finden Sie im Beitrag Heilpilze – eine unschätzbare Gabe der Natur.

Das eigentliche Problem: „Heilpilz“ steht auf fast jeder Dose

Die große Schwachstelle liegt aus meiner Sicht weniger beim biologischen Potenzial der Pilze. Sie liegt bei den Produkten.

Unter der Bezeichnung Heilpilzpräparat werden sehr unterschiedliche Dinge verkauft:

  • reines Pilzpulver,
  • Fruchtkörperpulver,
  • Myzel auf Getreidesubstrat,
  • Heißwasserextrakte,
  • Alkoholextrakte,
  • Doppel-Extrakte,
  • standardisierte Beta-Glucan-Produkte,
  • Mischpräparate mit zahlreichen weiteren Substanzen.

Auf dem Etikett kann überall „Reishi“ oder „Coriolus“ stehen. Der tatsächliche Gehalt an relevanten Inhaltsstoffen kann trotzdem erheblich voneinander abweichen.

Das National Cancer Institute warnt ebenfalls davor, dass Inhaltsstoffmengen bei Nahrungsergänzungsmitteln von Charge zu Charge schwanken können. Die FDA hat Heilpilze nicht als Krebstherapie zugelassen. Auf derselben NCI-Seite findet sich zugleich der Hinweis, dass definierte Pilzpräparate in Japan und China seit Jahrzehnten als Ergänzung konventioneller Krebstherapien eingesetzt werden.

Das ist kein Widerspruch. Eine fehlende amerikanische Zulassung widerlegt keine biologische Wirkung. Sie sagt zunächst etwas über Zulassungsstatus, Produktdefinition und eingereichte Nachweise aus.

Wer daraus den Satz „Heilpilze wirken nicht“ bastelt, betreibt Behördenexegese statt Wissenschaft.

Keine Selbsttherapie nach dem Motto „viel hilft viel“

Krebspatienten sollten Heilpilze nicht wahllos kombinieren und auch nicht zehn verschiedene Extrakte gleichzeitig bestellen.

Geprüft werden müssen unter anderem:

  • genaue Krebsart und Krankheitsstadium,
  • aktuelle Chemotherapie oder Bestrahlung,
  • Immuntherapie und zielgerichtete Medikamente,
  • Blutbild,
  • Leber- und Nierenfunktion,
  • Gerinnungshemmer,
  • Allergien,
  • Autoimmunerkrankungen,
  • Qualität und Standardisierung des Präparats.

Die aktuelle Übersichtsarbeit empfiehlt ebenfalls eine klare Zielsetzung, die Auswahl eines standardisierten Extrakts, die Prüfung der Begleitmedikation sowie eine Verlaufskontrolle von Blutbild und Leberwerten.

Gerade bei modernen Immuntherapien sind Wechselwirkungen bislang nicht ausreichend erforscht. „Natürlich“ ist kein Freibrief. Auch Naturstoffe können biologische Prozesse verändern. Genau deshalb werden sie schließlich eingesetzt.

Fazit

Heilpilze sind keine „geheimen Krebsvernichter“, die von der Medizin unterdrückt werden. Es sind biologisch aktive Naturstoffe mit teilweise bemerkenswerten immunologischen Eigenschaften. Für einzelne standardisierte Extrakte existieren klinische Daten, die weit über Laborversuche hinausgehen. Besonders interessant sind Coriolus beziehungsweise PSK, Lentinan aus Shiitake sowie bestimmte Beta-Glucan-Fraktionen.

Für Reishi, Maitake, Cordyceps und weitere Pilze gibt es ebenfalls klinische Signale. Die Daten sind jedoch kleiner, uneinheitlicher und häufig auf Immunmarker oder Lebensqualität beschränkt.

Meine Praxiserfahrungen sprechen ganz klar für den fachkundigen begleitenden Einsatz. Krebspatienten können stabiler werden, Therapien besser vertragen und spürbar an Lebensqualität gewinnen. Und das ist bereits sehr ziemlich viel.

Die Forschung sollte sich endlich ernsthaft damit beschäftigen, anstatt Naturheilkunde wahlweise als Wundermärchen oder Placeboveranstaltung abzuhaken. Übrigens habe ich bereits vor Jahren beschrieben, wie Heilpilze möglicherweise auch auf die Gefäßversorgung von Tumoren einwirken könnten: Angiogenese – oder wie esse ich gegen Krebs?

Und wer sich für die regulatorische Seite interessiert, findet hier meinen Beitrag: Sind Vitalpilze als Arzneimittel zu betrachten?

Originalquelle der aktuellen Veröffentlichung

Bei der aktuellen Meldung handelt es sich um eine Übersichtsarbeit, nicht um eine einzelne neue Patientenstudie:

Haklai E. – Medicinal mushrooms and the hallmarks of cancer: mechanistic insights for complementary chemotherapy. Frontiers in Cancer Control and Society, 2026.

https://www.frontiersin.org/journals/cancer-control-and-society/articles/10.3389/fcacs.2026.1774081/full

DOI:

https://doi.org/10.3389/fcacs.2026.1774081

Weitere wichtige Originalquellen und klinische Arbeiten

National Cancer Institute: Medicinal Mushrooms – Fachinformation für medizinische Berufe

https://www.cancer.gov/about-cancer/treatment/cam/hp/mushrooms-pdq

PSK bei operiertem Darmkrebs – Metaanalyse randomisierter Studien

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/16133112/

Lentinan zusätzlich zur Chemotherapie – Metaanalyse

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28940986/

Cordyceps sinensis bei Lungenkrebs – systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse randomisierter Studien

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38484953/

Agaricus-blazei-Extrakt bei multiplem Myelom – randomisierte Doppelblindstudie

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/25664323/

 

Rene Gräber:

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